Judith Schmidt
Alle Zeit der Welt

„Komm Masl-tow, wir müssen umkehren. Ich muss gleich zur
Arbeit fahren.“ Es tut mir selber in der Seele weh, dass ich jetzt
den Spaziergang abbrechen muss. Das Wetter ist herrlich und
so ganz alleine mit unserer neuen Eselin macht der Spaziergang
richtig Laune. Mist, dass man ständig Geld verdienen gehen
muss. Aber ich will mich nicht beklagen. Zum Glück habe ich
diese Woche Spätdienst und kann mich den lieben langen Tag
um unsere Tiere kümmern. Und da Gregor sich einen Bänderriss
zugezogen hat und mit Gipsbein zu Hause rumhumpelt, ist
auch den Rest des Tages jemand für unsere Tiere da.
„Na jetzt komm schon, meine Süße.“ Sie schaut in die Ferne.
Ich gewähre ihr diesen Blick, denn im Grunde hat sie recht.
Der Zauberpinsel des Frühlings hat in den letzten Tagen ganze
Arbeit geleistet. Schön, dass mich unsere Eselstute immer wieder
auf solche Kleinigkeiten aufmerksam macht. Man selber
huscht ja nur so durchs Leben, doch seitdem wir sie haben, nehme
ich vieles um mich herum intensiver wahr.
Gemütlichen Schrittes kehren wir um. Wir streifen den
Wald, marschieren an Feldern und Kuhweiden vorbei. Schließlich
kommen wir in unser Dorf. Die ersten Häuser, die ersten
Autos, die kleine T-Kreuzung und nun sind wir in unserer Straße.
Es sind nur noch 100 Meter, bis wir zu Hause sind. Ich klopfe
mir selber auf die Schulter, wie gut ich die Zeit berechnet habe.
So komme ich noch dazu, vor der Arbeit in aller Ruhe zu duschen,
mich zu stylen und mir etwas von meinen kürzlich neu
erworbenen Klamotten auszusuchen.

„Masl-tow, was ist nur?” Wieso bleibt sie stehen? Ich schaue
mich um. Nichts, aber auch überhaupt nichts ist zu sehen, was
einen zum Anhalten veranlassen könnte. „Nun komm schon!“
Wieso geht sie nicht? Ok, dann warte ich eben ein bisschen. Liege
ja zeitlich hervorragend im Rennen. Ich drehe mit ihr eine
kleine Runde auf der Stelle, auf der sie steht. Zum Glück ist sie
nicht wie versteinert, sondern lässt sich in die entgegengesetzte
Richtung problemlos bewegen. Aber warum verweigert sie den
Weg in Richtung unseres Hauses? „Mensch, langsam ist es nicht
mehr lustig. Los, Mädel!“ Ich schnalze mit der Zunge, um meinen
Befehl zu verstärken, aber sie rührt sich nicht. Will sie etwa
nicht nach Hause? Will sie weiter spazieren gehen? Will ich ja
auch, aber die Pflicht ruft. „Nun komm schon, ich muss schließlich
ein paar Möhren verdienen gehen.“ Wieso überzeugt sie das
nicht? Ich habe Geduld. Dann nutze ich halt die Pause und spiele
in Gedanken schon mal meine Garderobe durch. So brauche
ich mir später nicht den Kopf darüber zu zerbrechen, welche
Bluse ich zu welcher Hose anziehen kann.
„Maaaaasl-tow, nun komm.“ Was ist nur mit ihr los? Ich ziehe
meine Pupille auf Schärfe und starte einen zweiten Versuch,
um zu erkennen, vor was sich der Esel fürchtet. Aber da ist weit
und breit nichts. Kein Kanaldeckel, keine Pfütze und auch keine
Bodengitter, welche dem Esel Angst einflößen könnten. So viel
hat mir unsere trittsichere Eselin in der kurzen Zeit, die sie bei
uns lebt, ja schon beigebracht: Esel betrachten die verschiedenen
Bodenuntergründe sehr genau. Nicht, dass etwa der zierliche
Eselhuf in einem Spalt stecken bleibt oder dass eine Pfütze
tiefer ist, als es den Anschein hat. Nein, Esel sind nun wirklich
nicht blöd. Aber der Boden ist völlig normal. Nichts Ausgefallenes.
Mir ist es ein Rätsel.

Nun kommen auch noch zwei Kinder angelaufen. Meinetwegen,
sie dürfen den Esel kurz streicheln. Oweia, da kommen
ja noch mehr Menschen. Na, dann werde ich denen auch noch
Rede und Antwort stehen müssen. Ich darf mir nur keine Blöße
geben, dass ich Probleme habe.
„Na, will er nicht?“
„Ich weiß auch nicht so recht“, druckse ich, „die ganze Zeit
ist er prima mitgegangen, aber jetzt geht er nicht mehr weiter.
Der will bestimmt nur noch nicht nach Hause.“ Ich ringe mir
ein gleichgültiges Lächeln ab.
„Wo müssen Sie denn hin?“
„Da vorne, Nummer 24.“
„Ach, Sie sind die neuen Mieter? Nett, Sie mal kennen zu
lernen.“
„Ganz meinerseits.“
„Ich wohne gleich hier vorne. Warten Sie, ich hole etwas
Brot, damit können wir den Esel locken.“
Seufz. Ich will das nicht. Ich bin doch gerade dabei, den Esel
von Leckerlis zu entwöhnen. Soll ich ihm nachrufen? Aber der
Mann ist schon im Haus verschwunden. Warum habe ich bloß
mein Handy nicht dabei, dann könnte ich Gregor anrufen und
er könnte hierher humpeln und mir helfen.
Jetzt kommt der Mann doch tatsächlich mit frischen Toastbrotscheiben
an: „Na komm, Eselchen, komm, komm, komm.“
Zum Glück lässt sich Masl-tow nicht auf die Bestechung ein.
Mir fällt ein Stein vom Herzen. Aber wie soll es nun weitergehen?
„Ihr Esel hat bestimmt Angst vor den Fahnen.“
Fahnen? Was für Fahnen? Ach ja. Die da. Die Schützenfestfahnen.
Die waren vorhin noch nicht da gewesen. Hübsch, wie
die so im Wind wehen. Aber warum sollte ein Esel Angst vor
Fahnen haben? So ein Unsinn. Jeder weiß doch, dass ein Esel
auf dem Boden nach Gefahren Ausschau hält. Also, auf Ideen
kommen die Leute heutzutage, unglaublich.
„Nein, der Esel will nur noch nicht nach Hause. Und dabei
muss ich dringend weiter, weil ich noch zur Arbeit fahren muss.
Nun komm Masl-tow, mach schon.“
„Wie heißt Ihr Esel? Quasselkopf?“
„Nee!” Wut bringt mich langsam aber sicher in Rage, dennoch
erkläre ich sanft: „Masl-tow. Das ist jiddisch.“
„Ach, dann sind Sie Jüdin? Interessant.“
Am besten gehe ich gar nicht auf das Gespräch ein. Ich schiebe
den Esel von hinten an. Doch Masl-tow stemmt sich mit aller
Kraft dagegen.
„Warten Sie. Ich ziehe vorn, während Sie hinten schieben.“
Der Mann zieht ordentlich am Halfter und wir bewegen uns
einen ganzen Zentimeter in meine gewünschte Richtung. Doch
mehr ist einfach nicht drin. Ich gebe auf und drehe mit dem Esel
noch mal eine kleine Runde auf der Stelle. Es ist wie verhext.
Sobald wir in Richtung Nummer 24 gucken, bleibt sie stehen,
als sei eine imaginäre Linie gezogen, über die man nicht treten
kann.
Das Duschen kann ich mir inzwischen abschminken. Dafür
werde ich keine Zeit mehr haben. „Masl-tow, nun komm!“
Schreien nützt auch nichts. Ach, ich könnte heulen. Jetzt kommen
sogar noch mehr Menschen. Haben die nichts Besseres zu
tun, als auf der Straße herumzulaufen? Was haben die denn in
ihren Händen, Äpfel? Na toll, wie soll ich hier je wieder wegkommen?

Masl-tow verspeist einen Apfel nach dem anderen und
schmatzt vor sich hin. Alle haben ihren Spaß, nur ich gucke
dumm aus der Wäsche. Wieso lassen die mich nicht in Ruhe
mein Ding durchziehen? Fehlt nur noch, dass sie ihre Campingstühle
holen.
„Bitte, bitte nichts mehr füttern, der Esel ist ohnehin schon
dick genug.“
„Ach, ich dachte, sie bekäme bald ein Fohlen. Das ist also
Fett?“
„Ja, nun lassen Sie doch bitte das Füttern sein.“
„Och, die drei Scheiben Brot noch, dann ist es ja alle.“
Ich könnte explodieren! Warum müssen die Leute immer alles
um sich herum mästen? Wozu soll das gut sein? Am liebsten
möchte ich ihnen das Futter aus der Hand schlagen, aber nur
nicht die Contenance verlieren. Ganz ruhig bleiben und lächeln.
Ich schiebe den Esel ein zweites Mal und gebe Masl-tow sogar
einen Klaps auf den Po. Sie schaut mich erschrocken an. Ich
erkenne mich selber nicht mehr wieder. Was ist nur in mich gefahren?
Zwei Männer zerren zusätzlich vorne am Halfter und
ich sehe die verzweifelten Eselaugen. Ich winke: „Nein, hören
Sie auf, das hat keinen Sinn.“ Die Männer lassen los. „Ich gehe
einen anderen Weg. Danke für Ihre Hilfe. Man sieht sich.“ Ich
drehe und Masl-tow geht brav neben mir her. Wie komme ich
nur am schnellsten aus der anderen Richtung in unsere Straße?
Ich muss tatsächlich diesen riesigen Umweg um den Reiterhof
laufen. Es nützt nichts, es gibt keine Abkürzung. „Masl-tow, terab!“
Wow, die hört ja aufs Wort. Sie sieht nun richtig glücklich
aus – und sie grinst. Komisch. Wer hätte gedacht, dass Esel auch
grinsen können? Ich jogge und sie trabt. Herrlich. Wenn ich nur
nicht diesen Zeitdruck hätte. Und wenn ich nur etwas besser
in Form wäre. Aber es ist nicht mehr weit, bald habe ich es geschafft.
Da vorne ist schon die Abzweigung. Ich riskiere einen
Blick in unsere Straße und prüfe, ob hier auch schon die Fahnen
hängen. Die Luft ist rein, nichts Wehendes, was uns den Weg
versperrt. Masl-tow geht mit, als sei es das Normalste von der
Welt, in unsere Straße einzubiegen. Jipiii! Dann müssen es also
tatsächlich die Fahnen gewesen sein, vor denen sie sich gefürchtet
hat. Wieder ein Aha-Erlebnis. Esel schauen also auch in die
Luft!
Endlich, die Haustür. Gregor empfängt mich: „Mensch, wo
warst du? Hast du mal auf die Uhr geguckt? Du kommst zu spät
zur Arbeit.“
“Keine Zeit.“ Ich drücke ihm den Esel in die Hand und flitze
ins Haus. Meine Klamotten reiße ich mir, während ich die
Treppe hoch laufe, vom Leib. Beim Herunterlaufen knöpfe ich
mir die Jeans zu, schlüpfe in die Bluse, springe in die Stiefel,
versprühe ein wenig Parfüm. Meine Kollegen sollen nicht allzu
sehr unter meinem verschwitzten Nachmittag leiden müssen.
Ich schwinge mich ins Auto, kurbele das Fenster runter und rufe
Gregor zu: „Alles Ok. Ich rufe dich von unterwegs aus über das
Handy an und erzähl dir alles.“
Menschen haben es halt immer eilig. Esel hingegen haben
alle Zeit der Welt.

Erschienen in Bücher für tierliebe Menschen im Mariposa Verlag
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Der AnfangHuskyhündin Jaska

Heute lebe ich genau 3 Monate bei Ronald, Christa und meinem 4-beinigen Kumpel Ronny.
Und ich kann mich nicht beklagen; alle gehen sehr lieb mit mir um. Aber wirklich heimisch fühle ich mich hier noch nicht.
Mag wohl daran liegen, dass sich in der letzten Zeit meine Lebensumstände immer wieder geändert haben.

Der Mensch, das unbekannte WesenDer Mensch, das unbekannte Wesen

Ich hab’s ja immer schon gesagt: Jassi, die kleine Kröte, ist mit allen Wassern gewaschen. Jetzt sogar mit Ruhrwasser. Da gerät sie schon in Panik, wenn ihr nur die Füße gewaschen werden sollen. Und ins Wasser gehen? Oh nein, könnte ja nass sein. Aber kaum sieht unsere kleine Jägerin ein Entenpaar auf der Ruhr schwimmen, schon ist sie drin in den Fluten und fast auf der anderen Uferseite. Unser Boss hatte in Gedanken schon die Suchanzeige formuliert: „Husky-Hündin entschwommen …..“

Die KillerkatzeDie Killerkatze

Und es gibt sie doch, die Killerkatzen und Kampfkater, von denen uns die großen Pelzgesichter erzählt haben, als wir noch Welpen waren. Wir haben damals alle gedacht, die Geschichten gehören ins Reich der Märchen, wollten den alten Herrschaften aber nicht den Spaß verderben. Deshalb haben wir bei den Erzählungen so getan als gruselten wir uns ganz fürchterlich, innerlich wurde aber immer mächtig gefeixt. Doch am Mittwoch habe ich eine leibhaftige Killerkatze gesehen!

Die CouchDie Couch

Zunächst einmal möchte ich betonen, dass ich Ronny, meinen Lebensabschnittsgefährten, wirklich mag. Doch – ich mag ihn sogar sehr. Aber manchmal kann er mir auch den letzten Nerv rauben…
Da ist zum Beispiel die Geschichte mit meiner Couch. Jawohl, ich besitze eine eigene (!) Couch.

Ronny auf AbwegenHuskyhündin Jaska

Da mokierte sich unser Ronny doch neulich über meinen Antrittsbesuch bei unseren neuen Nachbarn.
Für mich ist es eben ein Gebot der Höflichkeit, kurz auf einen Hundekuchen vorbeizuschauen und mich vorzustellen. Man erkundigt sich nach dem Befinden der werten Familie und kann gleich einmal nachhaken, wie es denn so mit der Tierliebe allgemein bestellt ist. Gibt es evtl. Haustiere, vielleicht sogar süße, knuddelige Kaninchen oder etwa gar niedliche ZWERGZIEGEN???

Die SpaßbremseHuskyhündin Jaska

Also – etwas peinlich ist mir die Geschichte ja schon. Aber andererseits finde ich, dass ich mich völlig normal verhalten habe. Schließlich bin ich nun mal eine Huskydame mit ausgeprägtem Jagdinstinkt. Manche Leute wissen so etwas zu schätzen. Nur mein restliches Rudel leider nicht.

Ach, was soll`s. Ich schreibe jetzt einfach mal, wie es war…