Pia Bracony Schilling
Amphitryon hat einen Leibarzt

Für den Vormittag eines wunderschönen Sommertages war ein riesengroßer weißer Königspudel angekündigt. Ich hatte alles vorbereitet, die Anmeldepapiere lagen schon auf dem Tisch. Zwei Wagen fuhren vor unser Tor. Aus dem ersten stieg ein livrierter Chauffeur und öffnete die hintere Tür des Fahrzeugs für einen weißen Pudel, der beinahe so groß wie ein Kalb war. Der Hund sprang nicht etwa aus dem Auto, sondern er bewegte sich so majestätisch, dass man ebenfalls von einem Aussteigen sprechen konnte.
Amphitryon, 1957
Amphitryon, 1957

Sein Herrchen – Helmut Käutner – folgte ihm. Dem zweiten Wagen entstiegen der Leibarzt und dessen Assistentin in weißen Kitteln, gefolgt von einer jungen Sprechstundenhilfe, die die Arzttaschen und die Decken und Kissen des Hundes trug. Der Hund und seine Begleiter begaben sich in meinen Garten. Herr Käutner setzte sich an den Gartentisch und unterschrieb die Papiere. Dabei erzählte er, dass Amphitryon und er sich zum ersten Mal in all der Zeit, die sie miteinander verbracht hatten, trennen müssten. Überall war der Hund bei ihm; stets saß er neben dem Regiestuhl und beobachtete die Schauspieler. Nun aber musste Herr Käutner im Ausland arbeiten, und es war verboten, Hunde dorthin mitzunehmen. Seine Haushälterin war kurz zuvor in ein Krankenhaus eingewiesen worden und konnte den Hund nicht versorgen. Irgendjemand hatte ihm mein Hundehotel empfohlen.
Ich überließ Amphitryon meiner Helferin im Garten, führte Helmut Käutner und den Tierarzt durch die Räume des Hundehotels und zeigte ihnen auch Amphitryons zukünftigen Platz. Der Tierarzt, der versprach, zweimal in der Woche den Gesundheitszustand des Hundes zu überprüfen, untersuchte die Fenster daraufhin, ob sie eventuell undicht wären, befühlte den Fußboden, um festzustellen, ob keine Kälte hindurchkam, und begutachtete das Bett mit der dicken, rot bezogenen Schaumgummi-Matratze, wobei ihn besonders die Sauberkeit darunter interessierte. Ich ließ diese Prozedur wortlos über mich ergehen.
Danach wurde Amphitryon hereingeführt. Ich weiß noch, dass ich mich fühlte, als müsste ich mich einer Prüfung unterziehen, und atmete erleichtert auf, als ich alles mit bester Note überstanden hatte. Auch kann ich mich erinnern, dass ich das Ganze übertrieben und ein wenig lächerlich fand. Aber als ich Amphitryon in seiner neuen „Wohnung“ verlassen wollte und mich dabei noch einmal umdrehte, sah ich, wie Helmut Käutner mit der rechten Hand den großen weißen Kopf seines Hundes streichelte, während er mit der linken den Kopf etwas anhob, damit er in die Augen des Tieres sehen konnte. Diese Geste erzählte mir ohne Worte eine lange Geschichte von Liebe und tiefer Verbundenheit.

Amphitryon überstand seinen Aufenthalt bei mir gut. Er war ruhig, lieb und ohne Aggressivität gegenüber den anderen Hotelgästen. Im Garten mischte er sich nie unter das „Volk“, sondern legte sich unter den großen Tisch und rührte sich nicht von der Stelle, wobei er wie eine ägyptische Sphinx wirkte. Die anderen Hunde – große und kleine – gingen in respektvollem Abstand um ihn herum. Und erst, wenn alle im Haus waren, drehte Amphitryon lässig eine Runde, um sein Bein zu heben. Er wartete eben auf seinen einzigen Lebensinhalt – sein Herrchen.
Bei dessen Ankunft legte dieser sofort seine Arme um den Hund. Beide waren unzertrennlich und nun endlich wieder zusammen. Die Sonne war in ihre Herzen zurückgekehrt, und über allem strahlte der Himmel.

Herr und Hund leben nicht mehr, aber ich glaube, sie haben sich irgendwo wieder gefunden für alle Ewigkeit.

Aus „Mein Berliner Hundehotel“ von Pia Bracony Schilling, erschienen im Mariposa-Verlag

Neue Beiträge per Mail erhalten