Käthe Gramer
Ein Hochzeitsgeschenk

Inzwischen konnte ich sowohl das Zeugnis über das erste
Staatsexamen
als auch eine Promotionsurkunde beruhigt
zu den Akten
legen.
Jetzt stand aber auch schon das nächste größere Wagnis
ins Haus: Der „Mann fürs Leben“ hatte so ganz nebenbei bei
einem Berg-Urlaub meinen Weg gekreuzt, nun wollten Hugo
und ich heiraten.

Da wurden Pläne geschmiedet, und irgendwann tauchte
auch die Frage nach einem Hochzeitsgeschenk auf. Noch heute
sehe ich das verdutzte Gesicht meines damals noch Zukünftigen
vor mir, als ich – wie aus der Pistole geschossen – antwortete:
„Ein Hund!“ ER hatte eigentlich an den Besuch bei einem Juwelier
gedacht, ICH an ein Tierheim. Nun versuchte er, mir klarzumachen,
dass er sich mit Hunden nicht auskenne, da er bis dato
noch nicht allzu viel mit ihnen zu tun gehabt hatte. (Später gestand
er, dass er eigentlich nur den Boxer seines Freundes kannte,
ihn dessen Gesabber allerdings nicht so recht beglückt hätte.)
Der liebende Beinahe-Ehemann ließ sich seine Bedenken
recht schnell zerstreuen, und der Besuch des Tierheims in der
nächsten Stadt wurde fest eingeplant.
Welcher Teufel mich allerdings ritt, dass ich ausgerechnet ein
Klassentreffen mit diesem Tierheimbesuch verbinden wollte,
weiß ich heute nicht mehr. Ich kann mich aber gut erinnern,
dass ich meiner besseren Hälfte erklärte: „Entweder es klappt
und ich kann den Hund mit in das Hotel nehmen (denn dass ich
einen passenden finden würde, daran hatte ich keine Zweifel!),
oder es klappt nicht, dann verzichte ich halt auf das Klassentreffen
und wir fahren mit dem Hund heim.“
Ganz einfach!

Von dem Hund, der uns zukünftig begleiten sollte, hatten wir
nur ganz vage Vorstellungen, uns war nur eines klar: „Zu groß
darf er nicht sein.“ Wir wohnten zu jener Zeit in einer Zweizimmer-
Mansardenwohnung. Außerdem lag unsere Zukunft noch
völlig im Dustern, wir wussten ja nicht einmal, wo und wie wir
leben würden.
Im Tierheim erlebte ich dann die Liebe auf den ersten Blick:
Einmal den Gang zwischen den Boxen auf der einen Seite hin,
auf der anderen zurück, und ich wusste: DER soll es sein! Ein
reizender, blonder Pudel-Dackel-Mischling, circa fünf Jahre alt,
leichtes Hinkebein – und er lag auf dem Bauch mit gespreizten
Hinterbeinen, wie mein alter Molli!
Hugo war entsetzt über meine Wahl. Er sah beziehungsweise
hörte vor allem, dass eben dieser Hund der Einzige war,
der fast andauernd seinen Nachbarn, einen schwarzen Pudel,
ankläffte, während er sich um seine Partnerin überhaupt nicht
kümmerte. Einen Kläffer in unserer kleinen Wohnung in dem
Mehrfamilienhaus? Aber ich ließ keine Zweifel aufkommen,
dass alles gut ausgehen würde. Wastl, wie ich den Hund spontan
nannte, ging anstandslos mit uns und machte auch im Auto
keine Probleme.
Bald kam die erste Bewährungsprobe. Ich wollte mit dem
Hund in die Straßenbahn umsteigen, um zum Klassentreffen zu
fahren, während Hugo es vorzog, ein Museum zu besuchen. Am
Abend wollte er mich/uns vom Hotel abholen.
Als hätte es in seinem Hundeleben noch nichts anderes gegeben,
stieg Wastl in die Tram ein, legte sich mit gespreizten Beinen
an den ihm zugewiesenen Platz und war sofort Mittelpunkt
des Interesses der meisten Mitfahrer. Alle lobten den hübschen,
braven Hund, und ich erzählte nicht ohne Stolz, dass ich ihn
soeben aus dem Tierheim geholt hatte.

Am Hotel angekommen, machten wir noch einen kleinen
Spaziergang, damit Wastl sich in Ruhe lösen konnte. Da wir
zu den ersten Gästen gehörten, war ich in der Lage, mir einen
günstigen Sitzplatz auszusuchen, wo Wastl sofort unter dem
Tisch verschwand.
Mit der Zeit füllte sich der Raum. Es wurde eifrig geschnattert
und palavert (wir waren eine reine Mädchenklasse!) und
Erinnerungen ausgetauscht. Fast jede von uns gesellte sich von
einem Grüppchen zum anderen mit der Frage: „Ja, hallo, wie
geht’s dir denn, was machst denn du so?“
Nur ich blieb eisern sitzen. Wastl schien sich unter dem
Tisch zwischen meinen Beinen wohlzufühlen, mehr wollte ich
ihm – und mir – nicht zumuten.
Als sich die erste Aufregung gelegt hatte und nach dem
Abendessen eine gewisse Ruhe eintrat, entschuldigte ich mich
mit dem Hinweis, wir müssten uns etwas die Füße vertreten.
Erst zu diesem Zeitpunkt bemerkten die meisten meiner ehemaligen
Klassenkameradinnen, dass ich einen vierbeinigen Begleiter
dabei hatte.
„Ist der aber lieb und so brav! Wo hast du denn den her?“
„Aus dem Tierheim!“
„Da hast du ihn sicher als ganz kleinen Welpen bekommen,
da er so an dir hängt!“
„Denkste, ich hab ihn jetzt ziemlich genau drei Stunden!“
Nachdem wir von unserer Luftschnapp-Runde zurückgekommen
waren und unsere Plätze wieder eingenommen hatten,
kam der Ober mit einem Teller Wiener Würstl: Der arme Hund
sollte auch etwas Gutes haben!

Wastl war aber durchaus kein Heiliger. Etwa eine Woche später
waren wir zu einem Polterabend eingeladen. Da wir den Eindruck
hatten, dass der Hund sich schon recht gut eingelebt hatte
und auch absolut sauber und ruhig war, beschlossen wir, ihn daheim
zu lassen, nachdem wir ihm mit dem Klassentreffen fürs
Erste schon genug zugemutet hatten.
Ich war allerdings während des gesamten Abends etwas in
Sorge um Wastl (er war vorher noch nicht so lange allein in
unserer Wohnung gewesen) und befürchtete auch, er könne in
seine Kläfferei zurückverfallen, wenn er sich einsam fühlte.
Da sowieso auch keine rechte Stimmung aufkommen wollte,
verließen wir die Party relativ früh und fuhren heim. Als wir
uns dem Haus näherten, war ich beruhigt: Es war totenstill und
bei den Nachbarn brannte auch kein Licht mehr; es schien also
keine schwerwiegenden Probleme gegeben zu haben.
So schön es ist, wenn man beim Nachhausekommen von
einem kleinen Vierbeiner glücklich begrüßt wird, so überraschend
ist es, wenn sich eben dieser Vierbeiner in einer Wolke
bunter Schaumstoffflocken bewegt! Wastl war es offensichtlich
während unserer Abwesenheit langweilig geworden, deshalb
hatte er die Zeit mit dem Zerlegen von Sofakissen überbrückt.
Beim Aufräumen tröstete ich mich mit dem Gedanken, dass
es schlimmer gewesen wäre, wenn er unsere Federbetten erwischt
hätte.

Glücklicherweise bekamen mein Noch-nicht-Ehemann und ich
in derselben niederbayrischen Stadt Arbeitsplätze angeboten: er
an einer Berufsschule, ich an einem Gymnasium.
Nun standen wir vor dem Problem: Junges (?) Paar mit Hund
sucht Bleibe. Wir träumten von einem kleinen Haus mit Garten;
eine Wohnung mit Gartenanteil wäre auch noch durchgegangen;
ein Balkon war allerdings das Mindeste.
Nach längerer, enttäuschender Suche fanden wir schließlich
ein Reihenhaus, das uns sehr zusagte. Die Vermieterin war aber
äußerst skeptisch, als sie hörte, dass ein Hund mit einziehen
sollte. Bei unserem Vorstellungsgespräch ließen wir Wastl deshalb
lieber im Auto und versuchten erst einmal, selbst einen guten
Eindruck zu machen. Was auch offensichtlich gelang, aber
der Hund war trotzdem noch ein Problem!
Auf Anregung von Frau R. holten wir Wastl, den wir vorsichtshalber
frisch geschoren und gebadet hatten, ins Haus.

Wieder war uns das Glück hold: Wastl schloss sofort Freundschaft
mit Frau Rs damals etwa zweijähriger Tochter; beide verzogen
sich in eine Ecke des Wohnzimmers und spielten friedlich
mit den Bauklötzchen des kleinen Mädchens. (ich habe
allerdings nie erfahren, wie die Klötzchen danach aussahen!).
Bis zu diesem Zeitpunkt wussten wir noch gar nicht, welch
einen Schauspieler wir aus dem Tierheim geholt hatten, freuten
uns aber natürlich sehr, als wir den Mietvertrag in den Händen
hielten.
Kaum war der Umzug überstanden, folgte auch schon der
nächste Streich: Der Hochzeitstermin rückte näher. Da wir fast
alle unsere Verwandten und Bekannten im Fränkischen hatten,
beschlossen wir, uns von einem befreundeten Priester in meiner
Heimatstadt trauen zu lassen. Die anschließende Feier wollten
meine Eltern ausrichten.
Am Tag vor der Hochzeit fragte mein Vater plötzlich: „Was
macht ihr morgen eigentlich mit dem Hund?“
„Warum? Während der Trauung bleibt er im Auto, danach
kommt er natürlich mit uns!“
„Das wird nicht möglich sein, in dem Hotel sind Hunde verboten.“
Nur eine Schrecksekunde lang war ich sprachlos, dann erklärte
ich kategorisch, dass unter diesen Umständen die Hochzeitsfeier
wohl ausfallen müsse. Ein Wort ergab das andere; Vater
war wütend, ich auch und außerdem bereit, unverrichteter
Dinge wieder heimzufahren.
Da kam meiner damals schon besseren Hälfte die rettende
Idee, in dem Hotel anzurufen. Es entwickelte sich folgender
Dialog: „Guten Tag, wir haben morgen bei Ihnen eine Hochzeitsfeier.
Ich habe jetzt erfahren, dass wir durch das Restaurant
gehen müssen, um in das reservierte Nebenzimmer zu gelangen.
Ist es denn erlaubt, die Geschenke für das Brautpaar durch
das Restaurant zu tragen?“
„Ja, das ist doch selbstverständlich!“
„Die Braut soll aber einen kleinen Hund bekommen. Dürfen
wir den auch durchtragen?“
„In diesem Fall würden wir wohl eine Ausnahme machen
müssen. Aber für den Abend haben wir für Sie sowieso einen
Raum vorgesehen, der einen völlig separaten Eingang hat.“
Die Hochzeitsfeier war gerettet! Wastl wurde am nächsten
Tag mit einer großen Schleife geschmückt und tatsächlich durch
das Restaurant getragen.
Nur gut, dass er kein Bernhardiner war!

 

Aus „Bücher für tierliebe Menschen“, erschienen im Mariposa-Verlag

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