Merlin, der „Drahtzieher“

Merlin steht im Vordergarten,
um sein Frauchen zu erwarten.
Schließlich ist schon Fressenszeit.
Doch kein Frauchen weit und breit.
Schlapp bewegt sich seine Rute.
„Ach, wo ist sie bloß, die Gute?
Hat sie denn total vergessen,
dass auch Hunde manchmal fressen?
Oder hat sie …“, Merlin schaudert,
„sich, wie üblich, schwer verplaudert
und vor lauter Tratsch verschwitzt,
wer zu Hause hungernd sitzt?“
Der Gedanke macht ihn bitter.
Durch ein Loch vom Maschengitter
schiebt er jammernd seine Nase,
prüft Aromen, Autogase,
Straßenruch und andre Düftchen,
jedes noch so feine Lüftchen.
Doch der Tag, der ist zu windig
und die Nase wird nicht fündig.
Dann, nach einer kleinen Weile,
friert’s den Hund am Hinterteile.
„Innerhalb des Hauses Mauern“,
denkt er, „lässt sich’s besser trauern.
Und in meinem Korb verkrochen
träum ich dann von Röhrenknochen!“
Doch die Sache ist perfid.
Als er an der Schnauze zieht,
steckt sein Schnüffelapparat
fest verkeilt im Maschendraht.
Merlin zerrt voll Zorn und Wut,
aber so was tut nicht gut,
denn die Schnauze ist sensibel
und nimmt das Gezerre übel.
Bald ist sein Gesicht verschwollen
und die Schnauze aufgequollen
und der Hund hängt drahtumklammert
in dem Maschenzaun und jammert.
Als das Frauchen wiederkehrt,
ist sie mehr als nur verstört.
Wie kriegt sie den armen Clown
jetzt aus diesem Gartenzaun?
Was sie tut, ist sehr wahrscheinlich
nicht gerade hundefreundlich.
„Aber“, redet sie sich ein,
„das, was sein muss, das muss sein!“
Und schon kühlt sie ihm beflissen
das Gesicht mit Wassergüssen,
um die Schwellung zu kurieren,
ohne Merlin zu lädieren.
Aus des Hundes dickem Maule
dringt ein zorniges Gejaule:
„Hunger hab ich, keinen Durst!“
Aber das ist Frauchen wurst

 

und sie lässt sich’s nicht verdrießen,
Merlin weiter zu begießen.
Merlin zappelt wie der Böse
zetert, macht ein Mordsgetöse
und erzwingt durch den Radau,
dass die schwer genervte Frau
aufhört und sich eingesteht,
dass es solcherart nicht geht.
Eine Schere für den Draht
hält der Nachbar nun parat,
zieht jedoch – ob Merlins Blick –
eilends sich damit zurück.
Mit dem Schneider zu hantieren,
hieße einen Biss riskieren,
brummt er feige und regt an:
„Da muss jetzt ein Tierarzt ran!“
Und so kommt’s. Der Merlin-Hund,
schwer vergrämt, die Schnauze wund,
kriegt zwei lästiggroße Spritzen
dorthin, wo die Hunde sitzen,
und kann ohne viel Beschwerden
aus dem Draht geschnitten werden.
Als der Hund nach dieser Nacht
zeitig in der Früh erwacht,
ist die Schnauze absolut
schlank geschrumpft und wieder gut.
Nur die Nase, wie sich zeigt,
minimal beim Schnuppern streikt.
„Doch du musst nicht traurig sein“,
meint der Arzt, „das renkt sich ein.
Und von nun an, du Filou,
ist das Zaungeflecht tabu!
Hast du mich …???“ und Merlin nickt,
schuldbewusst und sehr geknickt.
Und er schwört sich, durch den Zaun
nicht einmal mehr durchzuschau’n.
Doch jetzt Schluss mit dem Tamtam!
Merlins weiteres Programm
duldet keinen Aufschub mehr.
Schließlich geht’s um den Verzehr,
ums versäumte Abendessen,
und danach ums Frühstücksfressen,
dann um den Belohnungsknochen,
den das Frauchen ihm versprochen.
All das muss er irgendwie
mit Bedacht und Strategie
noch vor seinem Nachtmahl zwingen
und zur Gänze runterbringen.
„Lieber sich den Bauch verrenken,
als sein Fressen herzuschenken!“,
grinst der Hund, das Fress-Kaliber,
und geht prompt zum Angriff über.
© Hannelore Nics

Erschienen im Mariposa-Verlag

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