Ein ganz besonderer Malamute
Dann kam Adam…

Schon nach den ersten Bildern, die per Mail eintrafen war klar: Der kann bei mir zur Pflege einziehen. Ich wusste ja nicht, was mich erwarten würde… Und dann kam Adam nach Wulfstorf: Ungepflegt, stinkend und – groß! Also wirklich groß! Man könnte sagen riesengroß.

Malamute AdamUnweigerlich keimte in jedem von uns der Verdacht auf, es könne sich bei Adam um eine Kreuzung aus Polarbär und Malamute handeln. Oder sogar um eine Kreuzung aus Polarbär und Polarbär? Egal, Adam war schon am Tag seiner Ankunft (nach all dem Stress und der langen Fahrt) sehr freundlich, er sprang mit seinen gigantischen Pfoten an den Zweibeinern hoch und blickte uns direkt in die Augen, als wolle er sagen: “Hallo, da bin ich!”

Ein erstes gemeinsames Zusammentreffen im Freilauf mit meinen eigenen Hunden (den Huskies Jeannie & Odin und Malamute-Rüden Unkas) verlief freundlich und interessiert. Odin, mein Husky-Rüde (der immer gern Chef spielt, obwohl diese Rolle definitiv Jeannie inne hält), hat sofort Gefallen an Adam gefunden: Einmal leicht angeranzt war Adam bemüht, Odin alles recht zu machen. Wahrscheinlich muss ich nicht weiter erwähnen, dass Odin das richtig gut fand – er stolziert seitdem neben Adam her und würde am liebsten sagen: “Schaut mal, das ist mein großer, starker Freund – und der macht genau, was ich will!” Damit war also die größte Hürde genommen und Adam konnte einziehen – ich wusste ja nicht, was mich erwarten würde… Erst mal kam es, wie ich es mir dachte: Adam und Unkas, die beiden Malamuten, tobten den ganzen Tag umher, ehe sie dann Abends nach dem Füttern endlich völlig tiefenentspannt einschliefen.

Adam 4

Als Ruhe eingekehrt war, begann ich damit, mir mein Abendessen zu kochen. Es gab Nudeln mit einer Blaukäse-Pesto-Sauce – oder besser gesagt: Die sollte es eigentlich geben. Nachdem ich alles köstlich auf einem Tellerchen angerichtet hatte, etwas Parmesan über die Eigenkreation gab und den Teller auf den Tisch stellte, stand noch etwas daneben auf dem Tisch: ADAM! Ich weiss nicht, wie er es so schnell angestellt hat, aber ehe ich überhaupt Luft holen konnte, war der Teller leer. Und noch ehe ich Adam vom Tisch holen konnte, blickte er mich freudestahlend an, stieß mir seine feuchte, nach Blaukäse-Pesto-Sauce riechende Nase ins Gesicht und rülpste wohlig und voller inbrunst, so dass meine Kopfhaare sich in dem Luftstoß bewegt hätten, wären sie lang genug gewesen. Während ich anschließend ein Käsebrot im Stehen aß, bekam ich eine erste Ahnung davon, was mich erwarten würde…

Der nächste Morgen begann mit akuter Atemnot: Irgendetwas schweres lag auf meinem Gesicht und als ich die Lider aufschlug, blickte ich in zwei unternehmungslustige braune Malamute-Augen. Auf eine morgendliche Wäsche hätte ich eigentlich verzichten können, denn nachdem Adam bermerkte, dass ich endlich wach bin (klar, es war immerhin Samstag und schon kurz nach 5 Uhr) schlabberte er mir mit der feuchten Zunge quer über das Gesicht – da half auch kein Decke-über-den-Kopf-ziehen, denn Adam ist schnell und kräftig, wenn es ihm darum geht, seine Zuneigung zu bekunden. Inzwischen hat sich der “große Wecker Adam” allerdings auf 7:15 Uhr stellen lassen, das ist die Zeit, in der ich ohnehin aufstehen muss. Er funktioniert übrigens ohne Strom und ist ziemlich zuverlässig.

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Ein kleines Problem hatten wir da noch mit den Treppen: Adam kannte sie nicht und hatte Angst. Also wurden die 50 Kilo Malamute kurz runtergetragen. Und nach der Hunderunde wieder hochgetragen. Und bei der nächsten wieder runtergetragen. Klar, ich hätte auch durch den Garten rausgehen können, aber hey, so schnell gebe ich mich nicht geschlagen. Also haben wir geübt. Drei Tage lang. Leckerchen auf jeder Stufe. Ganz plötzlich hatte Adam den Dreh raus, er rannte vier Mal die Treppe rauf und runter. Jedes mal, wenn er an mir vorbei kam, hat er freudig gebellt und mich angestrahlt, um mir zu zeigen, dass er es jetzt kann. Ich war mächtig stolz auf Adam. Und Adam war auch mächtig stolz auf sich selbst.

Die folgenden Tage verliefen ähnlich: Morgendliches Wecken mit Schlabberzunge, kernige Spaziergänge durch Wulfstorfs Wälder, wildes Herumtoben von Adam und Unkas, Mahlzeiten werden im Stehen eingenommen. Gelegentlich dem großen Hund die Fernbedienung, die Spülbürste, den Handfeger oder die geleerte Plastik-Trinkflasche abjagen (ganz besonders steht Adam auf apfelhaltige Getränke) und viele Streichel- und Kämmeinheiten. Immerhin: Kämmen lässt er sich gern und zwischenzeitlich war Adams Fell auch in einem durchaus hübschen Zustand, jetzt kommt uns aber der Fellwechsel wieder in die Quere.

 

Adam 3Das mit den Türen war anfangs noch so eine Sache: Verließ man das Haus oder ging man in die Küche und schloss die Tür hinter sich, sprang Adam an der Tür hoch. Klingt erst mal unspektakulär, wenn man dann aber wieder herauskommt und sich die Tür anschaut, könnte man glatt vermuten, “Freddy Krüger” und “Edward mit den Scherenhänden” wären zwischenzeitlich zu Besuch gewesen, so tief sind die Riefen. Was Adam auf künftigen Wanderungen gern unter Beweis stellte: Er ist nicht nur GROSS sondern er ist auch sehr KRÄFTIG! Und er mag absolut keine Katzen. Läuft uns eine Samtpfote über den Weg, müssen wir schon mal den nächsten Baum aufsuchen, um uns daran festzuhalten. Wobei: Wenn ich es mir recht überlege, bin ich der Einzige, der sich festhalten muss.

Adams Vermittlungstext könnte auch lauten:

Adam: Kraft in einer neuen Dimension! Mit Turbo-Lader, Allradantrieb und jeder Menge Drehmoment! Schadstoffausstoß kann je nach Futtersorte variieren. 
Für die sportlichen Menschen gibt es da noch den zuckersüßen Adam, der Sie erst einmal freundlich begrüßt, ehe er dann beim Spaziergang einen Elan an den Tag legt, dass Sie glauben werden, am vorderen Ende der Leine hätten wir eine Dampflok befestigt. Eine Lok, die ordentlich befeuert mit einer Kraft durch die Lande zieht, dass man sogar während eines sibirischen Winters Schweißausbrüche bekäme – selbst wenn man auf dem Spaziergang nur ein T-Shirt trüge.

Nach inzwischen 8 Monaten ist es viel besser geworden, doch mehrere Vermittlungsversuche scheiterten bisher an Adams Kraft – denn die setzt er besonders gern dann ein, wenn ein Fremder mit ihm unterwegs ist. Man muss eben erst eine Bindung zu ihm aufbauen, sonst zieht er ab, als gäbe es kein Morgen. Nun ist es auch nicht so, dass Adam schnell laufen möchte, ganz im Gegenteil. Er liebt seine Schnüffelrunden, aber wenn er zum Beispiel etwas Interessantes entdeckt, dann möchte er da unbedingt hin. Das kann ein Busch sein oder ein großer Stein – oder eben auch ein Baum. Und davon gibt es im Wald ja schon den einen oder anderen. Ach, und dann trifft man mitunter natürlich auf Menschen oder andere Hunde. Da will er ebenfalls unbedingt hin, allerdings schaltet er dann nicht nur Allradantrieb und Turbo ein, sondern auch die Sirene – und die ist laut! Sollten sich irgendwo im Umkreis von 500 Metern andere Lebewesen befinden, die einen noch nicht bemerkt haben: Spätestens JETZT fliegt die Deckung auf, denn anscheinend haben Adams Stimmbänder ähnliche Dimensionen wie sein gesamter (Resonanz-)Körper. Man fällt also auf, denn genau in diesem Moment fragen sich andere Leute, wer denn der arme Irre mit dem kreischenden Hund ist, der sich da krampfhaft bemüht, eine andere Wegrichtung einzuschlagen. Ich muss an dieser Stelle wohl nicht erwähnen, dass die anderen drei Hunde in so einem Augenblick nicht eben durch mustergültiges Verhalten glänzen, im Gegenteil: Da muss schließlich irgendwas spannendes passieren, also ziehen alle in die gleiche Richtung wie der Große da vorn!

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Inzwischen weiss ich, was mich erwartet. Ich esse nicht mehr im Stehen sondern passe besser auf, außerdem habe ich den letzten Kampf um die Pizza für mich entschieden. Die Fernbedienung, die Spülbürste, den Handfeger oder die geleerte Plastik-Trinkflasche muss ich Adam nicht mehr abjagen, er bringt sie mir, wenn ich ein “Adam Nein!” sage. Auf dem Tisch hat er auch nicht mehr gestanden. Die Wanderungen können wir genießen (wenn da im Moment doch nur dieses Rübenfeld nicht wäre…). Begegnungen mit Katzen, Menschen und anderen Hunden nehme ich deutlich bewusster wahr, weil sie einfach laut und stürmisch sind – da spannt sich jeder Nerv und jeder Muskel, aber immerhin bemerkt man mich in 500 Metern Umkreis. Sie dürfen mir glauben: Wer uns einmal über den Weg gelaufen ist, der erkennt uns definitiv wieder! Und sagen Sie jetzt nicht, man könne ihm das mit Leckerchen abgewöhnen – dafür interessiert Adam sich in solchen Situationen leider überhaupt nicht. Vielleicht sollte ich einfach mal Nudeln in Blaukäse-Pesto-Sauce mitnehmen, die haben ihm schließlich sehr gut geschmeckt.

© Christian Günther

 

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